Kanaldeckel

Kanaldeckel sind nicht immer Kanaldeckel

Idyllisch liegen sie da. Orte wie Heringen, Philippsthal, Schenklengsfeld, Friedewald, Niederaula mit dem Ortsteil Hattenbach, Kirchheim und alle anderen Gemeinden im Gebiet zwischen Bad Hersfeld, Alsfeld und Fulda. Kühe grasen auf saftigen Wiesen,Kinder spielen ungestört auf den Straßen. Hier sagen sich noch Fuchs und Hase "Gute Nacht". Kaum zu glauben, dass in dieser Region, fernab von großmächtiger Politik, jahrzehntelang der Tod lauerte.

Sie existieren schon seit 1954. Fast jeder hat sie schon einmal gesehen. Viele fahren fast täglich darüber hinweg, ohne ihnen auch nur im geringsten Beachtung geschenkt zu haben. Gemeint sind sogenannte Sprengschächte. äußerlich sehen sie aus wie gewöhnliche Kanaldecke Der einzige Unterschied besteht darin, dass ein Kreuz den Deckel vierteilt und sich in der Mitte des Kanaldeckels eine 30er Schraube befindet. Seitlich sind zwei Ösen zum Herausheben des Deckels angebracht. In der Bevölkerung interessierte sich kaum jemand für diese Kanaldeckel. Oder wollte sich niemand dafür interessieren? Es fällt ja schließlich auf, wenn an Stellen Kanaldeckel in der Straße liegen, unter denen unmöglich Kanäle fließen können.

Die erschreckende Wahrheit ist die: Diese sogenannten Sprengschächte oder Sprengkammern wurden im Zusammenhang mit dem US-amerikanischen Verteidigungsplan "Fulda-Gap" (siehe Bericht "Weiter vom lag nur noch Kuba" in dieser Ausgabe) installiert, um im Falle eines Einmarsches der Russen die Fulda-Senke russische Panzerverbände nicht zu vernichten, wohl aber aufzuhalten und den Landstrich so weit wie möglich unpassierbar zu machen.

Die Sprengschächte sind in der Regel in Zweier- oder Dreiergruppen hintereinander in der Straße installiert. Die Militärs konnten sie mit zwei unterschiedlichen Arten Minen bestücken. Zum einen mit konventionellen Minen, mit denen Löcher bis zu etwa 8 Metern Tiefe und 30 Metern Breite gerissen werden können. Hier stellt sich nur die Frage ob dies wirklich ein geeignetes Mittel ist, einen Panzer aufzuhalten, der mühelos  Mauern bis zu einer Höhe von ca. 1,20 Metern überwindet.

Die zweite Möglichkeit ist, Atom-Minen in den Sprengkammern unterzubringen. Wenn man bedenkt, dass es vorgesehen war, Minen mit einer Sprengkraft von bis zu 10 Kilotonnen zu verwenden (die Sprengkraft kommt der Atombombe gleich, die am 6. August 1945 von den Amerikanern über Hiroshima abgeworfen wurde) ist es wohl nicht mehr nötig, die verheerenden Ausmaße eines solchen Einsatzes zu erläutern. Umso schlimmer ist es, dasskaum jemand etwas gegen die Sprengkammern unternommen hat, obwohl eigentlich niemand einen Hehl aus der Existenz der Schächte machte.

Es gab vereinzelt Protestaktionen gegen den Bau der Sprengschächte. In den Jahren 1954 bis 1956 wurden am Niederrhein im Bau befindliche Sprengschächte zerstört. Außerdem wurden am 26. Juli 1985 im Kreis Göttingen 46 Sprengschächte geöffnet und mit Blitzzement vollgegossen. Im Raum Hersfeld gab es Mahnwachen. Wenn sich jetzt jemand fragt, warum bei den Sabotageakten glücklicherweise keine Mine explodiert ist, obwohl die Sprengkamme eigentlich immer geladen waren, so ist hier anzufügen, dass zwar die Sprengladung, jedoch nicht der Zünder installiert war. Im Gespräch mit dem ehemaligen Bundeswehroffizier Hans Müller* sagte dieser, dass die Bevölkerung vor dem Zünden der Sprengsätze auf jeden Fall evakuiert worden wäre.