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Das ehemalige Rathaus der Gemeinde Schenklengsfeld

 



Den jüngeren Einwohnern dürfte kaum bekannte sein, dass das heutige Gasthaus „Zur Linde“ früher das Rathaus der Gemeinde Schenklengsfeld gewesen ist.
Im Erdgeschoss befand sich die Gemeindeschänke, während die Gemeinde-Dienstzimmer sich im oberen Stockwerk befanden. Dass für Schenklengsfeld ein solches Verwaltungsgebäude notwendig war, ist ein Zeichen, dass der Verkehr in früheren Jahrhunderten nicht unbedeutend war. Schon im Jahre 1778 waren drei Jahrmärkte in dem Kasseler Kalender verzeichnet.
Außerdem hatte Schenklensgfeld damals den Verlag des Bieres für das ganze Amt Landeck, außer den Dörfern Hilmes, Motzfeld und Ausbach (Hilmes hatte selbst eine Bierbrauerei). Der Bier- und Branntweinausschank war dem Flecken schon von dem Landgraf Philipp dem Großmütigen (reg. 1519 - 1567) verliehen worden. Zu dem Rathaus gehörte auch eine Bierbrauerei sowie eine Nebenschänke.
Die Schänke befand sich zeitweilig in verschiedenen Häusern und wurde an den Meistbietenden, wenn er die erforderlichen Räumlichkeiten besaß, verpachtet. Längere Zeit war diese Nebenschänke im Franze Haus (heute Steinhauer), auch verschiedene andere Häuser lassen ihrer heutigen Bezeichnung nach noch erkennen, dass früher in ihnen die Wirtschaft gewesen ist. Die Wirte der Dörfer des Amtes Landeck mussten das Bier aus der Brauerei in Schenklengsfeld entnehmen.
Auf einer Steinplatte über dem Eingang zum Gasthaus ist von einem Bildhauer der Kampf des Ritters St. Georg mit dem Drachen versinnbildlicht. (Inzwischen ist bekannt, dass es sich nicht um St. Georg, sondern um den heiligen Mauritius handelt). Der Überlieferung nach soll das Haus früher ein Kloster gewesen sein, was insofern nicht unwahrscheinlich klingt, weil an dieser Stelle die Mönche die erste Niederlassung gegründet haben. Ein Zimmer im oberen Stockwerk hieß bis in die jüngste Zeit die Lollshütte. Diese Bezeichnung hängt unmittelbar mit der Gründung des Ortes, der in einer Urkunde Lengisfeld br. St. Lulli genannt wird, zusammen. Da die Gründungen bzw. Ansiedlungen von Lullus ausgingen und Lengesfeld zu den Stiftsgütern, deren Verzeichnis das Breviarium Scti Lulli uns aufbewahrt hat, gehörte, so liegt es nahe, dass er selbst sich persönlich von dieser Umfangreichen Ansiedlung überzeugt und sich auch längere Zeit hier aufgehalten hat, wodurch die Bezeichnung „Lollshütte“ entstanden und der Nachwelt erhalten geblieben ist.
Die Mönche bauten sich ihre Hütten auf hochgelegenen Punkten, wohl der Sicherheit halber, und wenn man sich die ursprüngliche Lage des so genannten Friedhofes vergegenwärtigt, so kommt man zu dem Ergebnis, dass dieser ein nach dem Solztal hin ziemlich steil abfallender Sandstein- Felsvorsprung gewesen ist. Die Felswände treten noch an der westlichen Seite deutlich zutage, sie sind durch Wege und Bauten im Laufe der Zeit durchbrochen worden.
Das jetzige Haus ist ein Bauwerk jüngeren Zeitalters, an der Mauer ist eine fast unlesbare Inschrift mit der Jahreszahl 1766 eingemeißelt, das alte Haus ist vielleicht ein Opfer des Siebenjährigen Krieges geworden. Den Kellergewölben nach zu urteilen hat früher ein mächtiges Gebäude auf den gewaltigen Grundmauern gestanden.
Wie bereits angeführt wurde, hatten in früheren Jahrhunderten die Herren von Mansbach außer den zwei Gütern noch eine Kemenate in Schenklengsfeld als Lehen. Da man unter Kemenate das Wohnhaus einer Burg, insbesondere Frauengemächer, Schlafzimmer oder Krankenzimmer versteht, so könnte man vermuten, dass die Erzählung: „das Haus sei ein Kloster gewesen“, schließlich hiermit im Zusammenhang steht. Von einem Eingang zu dem unterirdischen Gang nach dem Landecker Berg, der, wie man sich erzählt, bestanden haben soll, ist im Keller keine Spur zu entdecken. Der freie Platz vor dem Gasthaus heißt „Friedhof“; er soll seinen Namen aus der Ritterzeit haben. Nach den heftigen Kämpfen, die die Ritter führten, sei hier der Friede geschlossen worden.
Der Form des Platzes nach zu urteilen, wäre anzunehmen, dass die St-Georgs- Kapelle mitten auf demselben gestanden hätte, festzustellen ist dies wohl kaum, da, wie sich gelegentlich der Ausschachtung für die Wasserleitung herausstellte, der Friedhof aus einem ziemlich geschlossenen Felsen besteht, der Nachgrabungen nicht zulässt. Bei späteren Umbauten des Gasthauses wurde an der Südseite desselben eine 62 cm starke Mauer freigelegt, die anscheinend die Grundmauer der St.-Georgs-Kapelle gewesen ist. Der südliche Flügel des Gasthauses bildete die Malzdarre, eine Einrichtung, die zum Brauhaus gehörte. Diese wurde Mitte der 1880er Jahre angerissen und an ihrer Stelle ein Pferdestall erbaut. Bei dem Ausschachten der Düngergrube fand ein Arbeiter in einer Tiefe von ungefähr 1,50 Meter mehrere topfartige Gefäße mit Knochenresten, die er aber achtlos zu dem Schutt warf, und als er von Peter Henkel darauf aufmerksam gemacht wurde, dass dieser Fund von großer Wichtigkeit sein konnte, entgegnete: Er habe im Feldzug 1870 so viel gesehen, dass ihn diese Sachen nicht interessierten.
Es ist zu bedauern, dass auf diese Funde so wenig Wert gelegt wird, und doch sind sie für die Geschichtsforschung so außerordentlich wichtig, um Anhaltspunkte zu geben, in welcher zeit schon Menschen hier gelebt haben.
Diese so achtlos weggeworfenen Urnen stammen sicher aus der Zeit der Leichenverbrennung, es sind auch solche bei Bebra, Buchenau, Kassel und Vollmashausen gefunden worden. Die Leichenverbrennungen fanden seit der Bronzezeit - 8.-5. Jahrhundert v. Chr. - in ganz Nordeuropa bei den Germanen, Kelten und Slaven bis in die ersten Jahrhunderte nach Christi statt. Die Asche wurde in einer Urne beigesetzt. Nach Einführung des Christentums fing man nach und nach an, die Leichen wieder zu begraben. Demnach haben bereits 800 bis 1000 Jahre vor der Zeit, in der die Mönche in diese Gegend kamen, Menschen hier gewohnt, die durch allerlei in dem historischen Teil geschilderte Umstände gezwungen waren, ihre Siedlungen wieder aufzugeben, und so entstand nach und nach wieder eine Wildnis....